Rothmann, Ralf: Hotel der Schlaflosen

Angst, die beste Freundin des Menschen? Dieser Gedanke, den Ralf Rothmann seinem Erzählband voranstellt hat und der das verbindende Motto seiner Geschichten ist, hat mich prompt neugierig gemacht und zum Assoziieren angeregt.

Angst kann einen beschützen, weil sie einen innehalten und skeptisch werden lässt, weil sie die Konzentration bündelt und einem den Weg weist und weil man so einer Gefahr entkommt. Sie kann einem, wie es in der Kurzbeschreibung steht, „aus der Not helfen“. Aber sie kann, wenn sie keine reale Berechtigung hat, auch hemmen und lähmen. Dann ist sie kein offensichtlicher Freund. Wenn diese Art von Angst aber als psychologischer Fingerzeig ernst genommen wird, dann kann sie eines Tages auch als Freund gesehen werden. Nämlich dann, wenn sie einem im Rahmen einer psychoanalytischen Behandlung geholfen hat, innere Konflikte zu erkennen und zu überwinden…

Ralf Rothmann präsentiert uns 11 Erzählungen, in denen er besondere Augenblicke oder Phasen fokussiert. „Besonders“ in dem Sinn, als dass sie im Leben des Betroffenen eine Wende darstellen, weil eine Entscheidung gefordert wird. Er schreibt über Erinnerungen, Chancen und Mut und zeigt immer wieder auf, dass man die Wahl hat und sein Leben oder zumindest etwas davon aktiv in die Hand nehmen kann.

Nun ein kurzes Brainstorming, um eine Ahnung zu vermitteln, um was es in dem Buch geht:

Eine todkranke Violinistin muss noch schnell zurück ins Hotel, um Ersatzsaiten zu holen.

Ein sowjetischer Offizier ist im Keller eines Hotels für Exekutionen zuständig.

Ein misshandeltes Kind wird zu einer misshandelnden, ihre Katze quälenden, Erwachsenen.

Ein Sohn identifiziert die mumifizierte Leiche seines Vaters.

Vater und Sohn spazieren zu einem Spielzeuggeschäft und werden von einem Mann im Bademantel mit einer Waffe bedroht.

Eine Frau nimmt Kontakt zu ihrer ehemaligen Kommilitonin und Mitbewohnerin auf, um wertvolle Informationen zu erhalten.

Der Autor entführt uns an die verschiedensten Orte: Auf eine Baustelle, in die Wüste Mexikos, auf einen Pferdehof, zu Filmarbeiten ins West-Berlin des Jahres 1981 direkt an der Mauer…

Ralf Rothmann übersetzt Alltagsszenen, die von Traurigkeit, Wut und Ausweglosigkeit, aber auch von Nostalgie, Heiterkeit und Hoffnung durchzogen oder überschattet sind mit scheinbarer Leichtigkeit und voller Lebendigkeit in literarischen Hochgenuss und beschreibt die Realität poetisch, ungeschönt und ohne Umschweife.

Es ist faszinierend, wie er den Leser in Windeseile in die inneren und äußeren Welten seiner sehr unterschiedlichen und in ihrer ganzen Komplexität gezeichneten Protagonisten hineinwirft.

Er bringt mit wenigen und wunderschönen, hieb- und stichfesten Worten auf den Punkt, was Bedeutung hat und wichtig ist und bringt mit seiner großen Bandbreite an unterschiedlichen Handlungsorten, Figuren, zeitlichen Kontexten und Themen Abwechslung und Schwung ins Buch.

Chapeau.

Ich empfehle diesen berührenden und eindringlichen, vor Ideen und Einfällen strotzenden Erzählband sehr gerne weiter.

Die überwiegend düsteren und beklemmenden, aber durchgehend fesselnden Erzählungen faszinierten mich und brachten mich zum Innehalten und Nachdenken.

Zu diesem höchst abwechslungsreichen und vielschichtigen Werk werde ich sicherlich immer wieder greifen. Es bekommt einen bleibenden Platz in meinem Bücherregal.

5/5⭐️

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