Sontag, Susan: Wie wir jetzt leben

In diesem schmalen Band sind fünf autobiographische Erzählungen der 1933 in New York geborenen und 2004 dort verstorbenen Schriftstellerin Susan Sontag, einer herausragenden Intellektuellen des zwanzigsten Jahrhunderts, enthalten.

Zwei dieser Erzählungen, „Wie wir jetzt leben“ und „Wallfahrt“ sind wohl besonders bekannt und halte ich auch für besonders gelungen und erwähnenswert.

Die renommierte Essayistin und Autorin von Sachbüchern schreibt über Lebensthemen und prägende Erlebnisse.

Susan Sontag erzählt aber nicht nur. Sie tätigt Verweise und Anspielungen auf andere Texte, sie beobachtet sich selbst, hinterfragt, reflektiert und deutet. Sie sucht und findet Argumente und fasst Erkenntnisse zusammen. Indem sie den Leser auffordert „Nehmen wir an,…“, ermuntert sie zu Gedankenspielen und führt sie geistige Experimente durch.

In der titelgebenden Erzählung „Wie wir jetzt leben“, die 1986 erstmals in der Zeitschrift „New Yorker“ erschien und in erschreckender Weise an unsere derzeitige Corona-Lage erinnert, thematisiert die Autorin die damals neuartige Aids-Epidemie, die v. a. in der New Yorker Künstlerszene, in der sich auch Susan Sontag und ihr Freundeskreis bewegte, grassierte. Sie schildert das Leiden eines an Aids erkrankten befreundeten Enddreißigers aus der Perspektive seiner hilflosen und ratlosen Freunde. Dass es sich um Aids handelt wird nicht explizit gesagt, aber es ist schon aufgrund des zeitlichen und örtlichen Kontextes, die 1980-er Jahre in New York, anzunehmen. Indem sie den namenlosen Kranken und seine Krankheit aus der Sicht seiner Umwelt beschreibt, seziert und analysiert sie vor allem deren Reaktion auf die neue und todbringende „Seuche“. Eine originelle, raffinierte und außergewöhnliche Herangehensweise!

In einer weiteren Geschichte, „Beschreibung (einer Beschreibung)“, erzählt sie davon, wie sie sich um einen Mann im blauen Anzug kümmert, der plötzlich auf der Straße zusammenbricht.

In „Briefszene“ ist Tatjana so kühn, Eugen einen Brief zu schreiben, aber es geht hier um weit mehr als nur um diesen Brief.

Im „Blick aus der Arche“, einer parabelähnlichen Erzählung, schildert sie ein Gespräch zwischen einem Nachkommen Noahs und einem Vogel. Sie beginnt damit, dass der Nachkomme vom Vogel eine Geschichte hören möchte.

„Wallfahrt“ gefiel mir am Besten. Ich würde diesen Text als Sahnehäubchen und Herzstück der Kurzgeschichtensammlung bezeichnen. In diesem Text erzählt Susan Sontag, die den „Zauberberg“ bewunderte und dessen Erschaffer verehrte, von ihrem enttäuschenden und banalen Besuch beim damals 72-jährigen Thomas Mann. Im Dezember 1947 lernte sie, gerade mal 14 Jahre jung, den bedeutenden Schriftsteller während dieses Besuchs kennen, der u. a. über seine Arbeit am „Doktor Faustus“ sprach und abschreckend distanziert über Dieses und Jenes dozierte.

Susan Sontag ist eine präzise Beobachterin, die das Beobachtete prägnant und virtuos beschreiben kann.

Die Erzählungen sowie Susan Sontags Gedanken und geistige Ausflüge sind allesamt interessant, aber sie sind auch sehr anstrengend und teils ermüdend. Es erfordert viel Aufmerksamkeit und Konzentration, um am Ball zu bleiben.

Das Nachwort von Verena Lueken fand ich sehr erhellend. Sie bringt uns Susan Sontag und ihr Leben etwas näher und äußert sich zu dem Erzählband, zu Susan Sontags beruflichen Werdegang und zu ihrem Werk.

Mein Fazit lautet: „Wie wir jetzt leben“ ist eine bereichernde, informative und aufschlussreiche Lektüre, die sich nicht unbedingt zur Erholung und Entspannung, sondern zur geistigen, analytischen und intellektuellen Auseinandersetzung eignet.

Durch diese Kurzgeschichtensammlung lernte ich eine bedeutende, kluge und fortschrittliche Frau kennen und konnte so meinen Horizont erweitern.

4/5⭐️

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