Al Shamani, Usama: Im Fallen lernt die Feder fliegen

Bereits der erste Roman des 1971 geborenen irakisch-schweizerischen Schriftstellers Usama Al Shahmani, „In der Fremde sprechen die Bäume arabisch“, hat mich begeistert und auch sein zweites Werk habe ich nach einigen erfüllenden Lesestunden zufrieden zugeklappt. Was für eine beeindruckende und berührende Geschichte!

Die junge Irakerin Aida, die Erzählerin dieser Geschichte, arbeitet in einer Bibliothek und hat seit neun Jahren einen festen Freund, mit dem sie inzwischen zusammenlebt.

Aida ist frei und unabhängig. Sie lebt selbstbestimmt und könnte, von außen betrachtet, mit ihrem Leben zufrieden sein. Aber über ihrem Leben schwebt eine düstere Wolke. Sie spricht nicht über ihre Herkunft. Sie wirkt unnahbar, innerlich ambivalent, suchend und nicht angekommen.

Ihr Freund Daniel, ein Schweizer Ethnologiestudent, interessiert sich für ihre Vergangenheit und stellt viele Fragen, aber der Zeitpunkt, um über das Belastende und Traumatische zu reden muss der Richtige sein. Immer wieder streiten die beiden wegen ihres Schweigens.

Manchmal ist Schreiben einfacher als Reden und genau deshalb beginnt Aida eines Tages, das Unsagbare niederzuschreiben. Sie beschließt, sich schreibend mit Schmerz, Trauer und Verlust, auseinanderzusetzen.

Aber nicht streng chronologisch, sondern eher ihren springenden Gedanken und aufblitzenden Assoziationen folgend.

Wir lernen eine irakische Flüchtlingsfamilie kennen. Die Eltern sind 1991 aus politischen Gründen aus dem Irak in die Schweiz geflohen. Wehmut und Heimweh haben sie niemals verlassen. Der Vater, ehemaliger Landwirt und konservativer Theologe, hat Schwierigkeiten, sich einzugliedern und auch die Mutter verweigert letztlich die Anpassung. Sie überwinden die Sprachbarriere nicht, was Schritt für Schritt in den sozialen Abstieg führt. Nach dem Sturz Saddams und dem Ende der Diktatur beschließen sie, wieder in ihr über die Zeit verklärtes Heimatdorf am Euphrat zurückzukehren.

Es ist ein Entschluss, der ihre beiden halbwüchsigen Töchter Nosche und Aida erschüttert und schockiert, weil die Schweiz ihr Zuhause ist. Sie gehen dort zur Schule, sie haben dort ihre Freunde. Sie wollen nicht in einem fremden und männerdominierten Land leben, in dem das Kopftuch unumgänglich und die Religion derart mächtig ist. Als die ältere der beiden Schwestern in dem irankischen Dorf verheiratet werden soll, wachsen Unmut und Rebellion. Sie fürchten um ihre Freiheit und um ihre Selbstbestimmung und beschließen, heimlich in ihre Heimat Schweiz zurückzukehren.

Die riskante Flucht gelingt den beiden, aber kaum in der Schweiz angekommen, passiert etwas Schreckliches. Die jüngere Schwester Aida ist nun, mit nur 16 Jahren, auf sich allein gestellt…

„Im Fallen lernt die Feder fliegen“ ist ein gleichermaßen zarter und feinfühliger wie bild- und wortgewaltiger Roman über Heimatgefühl und Heimatverlust, Zugehörigkeitsgefühl, Herkunft, Integration, Freiheit, Flucht, Ankommen und Beziehungen.

Die Sprache ist, ebenso wie im Vorgängerroman, bildhaft und poetisch. Ich genoss es, in die Geschichte und in die Sprache einzutauchen

Ich empfehle dieses bereichernde und unterhaltsame, tiefgründige und vielschichtige, gefühlvolle aber zu keinem Zeitpunkt kitschige, klischeehafte oder gefühlsduselige zweite Werk von Usama Al Shamani, der 2002 mit Anfang 30 wegen eines regimekritischen Theaterstücks aus dem Irak flüchten musste, sehr gerne weiter.

5/5⭐️

🇨🇭 🇮🇶

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