Ferrante, Elena: Das lügenhafte Leben der Erwachsenen

Schonungslose Desillusionierung!

Nachdem ich bereits die neapolitanische Saga mit Genuss verschlungen habe, war klar, dass ich „Das lügenhafte Leben der Erwachsenen“ lesen „muss“.

Und ich wurde nicht enttäuscht! Schon die Vorfreude auf die erneute Reise nach Neapel, jetzt ins Neapel der 1990-er Jahre, war es wert, zu dem Buch zu greifen.

Erstaunlich, aber durchaus nachvollziehbar, was eine Bemerkung und eine Tante alles auslösen und bewirken können!

Giovanna wächst wohlbehütet in einer gesitteten und kultivierten Familie der Mittelschicht auf.

Mit 13 Jahren hört sie ihren Vater sagen, dass sie hässlich sei und ihrer Tante Vittoria immer ähnlicher werde.

Ihr Selbstbild gerät ins Wanken.

Schockiert und neugierig beschließt sie, die bis dato von der Familie verleugnete Tante kennenzulernen.

Das Mädchen ist gleichermaßen fasziniert und verstört von ihrer schillernden, leidenschaftlichen und schamlosen Tante und von dem ihr bis dahin völlig unbekannten und schlüpfrigen, vulgären, dreckigen und ungebildeten Neapel.

Ihre Kindheit endet, die heile Welt bricht zusammen und die Augen werden ihr geöffnet, denn nach und nach stößt sie auf Geheimnisse, Ungereimtheiten, Halbwahrheiten und Lügen.

Giovanna fängt an zu zweifeln, zu hinterfragen, zu spionieren und … zu lügen, zu demütigen und zu manipulieren.

Sie wird erwachsen.

Dass ihr geliebter Vater, den sie bis dahin als zuverlässig und ehrlich erlebt hat, seine Herkunft aus niedrigem sozialem Milieu verleugnet (hat), hinterlässt sie sprachlos und dass ihre Mutter eine Affäre mit einem Freund der Familie hat, schockiert sie.

Zu entdecken, dass die Erwachsenen sowohl die Wahrheit, als auch ihre Mitmenschen manipulieren und belügen, verstört sie zutiefst.

Ihre bisher so heile und geordnete Welt droht einzustürzen.

Das tadellose Fundament bekommt Risse.

Die makellose Fassade beginnt zu bröckeln und ihr Urvertrauen in die Eltern wird erschüttert.

Es ist spannend und unterhaltsam, Giovanna auf ihrem Weg durch die Pubertät zu begleiten, ihr Innenleben kennenzulernen und ihre Reise ins Erwachsenenleben zu verfolgen.

Die Autorin beobachtet genau und seziert bis ins kleinste Detail. Was sie dabei entdeckt, beschreibt sie prägnant und unfassbar bildhaft.

Die Charaktere werden in all ihrer Vielschichtigkeit, Komplexität und Zerrissenheit gezeigt. Sie haben Ecken und Kanten und wirken dadurch authentisch und lebendig.

Die Atmosphäre der jeweiligen Szenen wird von Elena Ferrante derart spürbar vermittelt, dass ich nur den Hut ziehen kann.

Es ist faszinierend, wie Ferrante es schafft, tiefe und stimmige Einblicke in die Seele einer Pubertierenden zu gewähren.

Ist es Erinnerung?

Ist es Empathie?

Egal… es ist einfach grandios!

Elena Ferrante schreibt gewohnt feinfühlig, berührend, eindrucksvoll und realistisch, aber – ebenfalls gewohnt -, niemals kitschig, rührselig, platt oder klischeehaft.

Das Werk ist kurzweilig, hallt nach und stößt Gedanken an.

Ist unsere erwachsene Welt tatsächlich so schräg, unehrlich und verlogen?

Sehen uns unsere Kinder tatsächlich so, wie Giovanna das erlebt?

Das wäre entsetzlich und man müsste sich schämen.

Ich möchte den beeindruckenden Roman, gleichermaßen Familiengeschichte wie Milieustudie, der ums Erwachsenwerden, um Einsamkeit, um Neuorientierung und noch vieles mehr geht, ohne wenn und aber empfehlen.

Er hat mir äußerst vergnügliche Lesestunden beschert.

5/5⭐️

🇮🇹

6 Gedanken zu “Ferrante, Elena: Das lügenhafte Leben der Erwachsenen

  1. Ich habe zunächst gezögert trotz der sehr guten Besprechung im Literaturclub ob ich wieder dem Ferrante-Fieber verfallen soll, ob es nach der Freundinnensaga noch lesenswertes von dieser Autorin geben kann. Nach dieser begeisternden Rezension kommt das Buch auf meine Liste!

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