Henn, Carsten: Der Buchspazierer

📚Was für eine schöne, zauberhafte und poetische Geschichte!📚

Wir lernen den etwas schrulligen, aber liebenswerten 72-jährigen Buchhändler Carl kennen.

Er arbeitete viele Jahre in der Buchhandlung am Stadttor, kannte den Inhalt der Bücher, die er verkaufte und wusste um die literarischen Vorlieben seiner Stammkunden.

Inzwischen ist er zwar berentet, arbeitet aber trotzdem noch stundenweise für die Buchhandlung, die inzwischen von der kaufmännisch kompetenten, aber literarisch eher wenig versierten Tochter seines ehemaligen Chefs geführt wird.

Jeden Abend nach Geschäftsschluss beliefert Carl die Kundschaft mit Büchern. Sie erwarten die Lieferung sehnsüchtig und freuen sich auch auf den Plausch mit dem freundlichen und belesenen Lieferanten.

Nachdem er seine Kostbarkeiten liebevoll verpackt hat, spaziert er mit ihnen durch die Straßen, um sie höchstpersönlich zu den unterschiedlichsten Personen, die inzwischen fast schon zu Freunden geworden sind, zu bringen.

Dann, eines Abends, begegnet er Schascha, einem neunjährigen schlauen, vorwitzigen und aufgeweckten Mädchen.

Sie lässt sich nicht abwimmeln, begleitet ihn von nun an auf seinen Touren und löchert ihn ganz unbefangen mit Fragen. Ihre Lebendigkeit, ihre Offenheit und ihr kindlicher Optimismus tun ihm gut. Sie schleicht sich in das Herz des einsamen Buchhändlers und erobert ihn mit ihrer Unbeschwertheit. Sie stellt sein Leben auf den Kopf und bringt seine Tagesstruktur durcheinander.

Ihre Wissbegierde und kindliche Neugier bringen ihn dazu, über sich und die Menschen, die er beliefert, nachzudenken.

Und das bleibt nicht ohne Folgen.

Dann schlägt das Schicksal zu und Carls Leben nimmt eine Wendung. Ob Bücher und Schascha dem alten Mann da wohl helfen können?

Wir begleiten nicht nur Carl und Schascha, sondern auch die Menschen, die Carl beliefert. Deren Schicksale sind mehr oder weniger miteinander verwoben und es macht Freude, sie immer besser kennenzulernen.

Ich genoss die schönen und berührenden Formulierungen und Sätze und amüsierte mich über scharfsinnige Beobachtungen und die Charakterisierung der Leserschaft, die er mit Hasen, Kiebitzen oder Schildkröten vergleicht.

Der 1973 geborene Carsten Sebastian Henn beschreibt seine Figuren lebendig, feinfühlig und liebevoll. Es sind Figuren, die man gern kennenlernt und begleitet.

Es hat mir großes Vergnügen bereitet, diese herzerwärmende und märchenhafte Geschichte zu lesen.

„Der Buchspazierer“ ist ein zeitloses, warmherziges, gefühlvolles (aber nie gefühlsduseliges oder rührseliges!) und unterhaltsames Werk, das ich sehr gerne empfehle.

Dieses moderne Märchen gehört wahrscheinlich nicht zur sogenannten anspruchsvollen und gehobenen Literatur, aber es gehört definitiv zur „nicht verkitschten Wohlfühlliteratur“.

Es ist eine Liebeserklärung an die bunte Welt der Bücher, thematisiert die Bedeutung von persönlichem Kontakt und Fachkompetenz im Buchgeschäft, stellt die Bedeutung von Freundschaft, Menschlichkeit, Mut und Achtsamkeit für die vermeintlich kleinen Dinge des Lebens heraus, bringt Licht und Wärme in trübe Tage und heitert auf, wenn man mal den Blues hat…

5/5⭐️

4 Gedanken zu “Henn, Carsten: Der Buchspazierer

  1. „Der Buchspazierer“ werden wir demnächst in unserem Lesekreis besprechen. Ich bin gespannt.

    Deine Rezension gibt schon einen sehr guten Einblick.

    LG
    Petra

  2. Vielen Dank für die schöne Rezension. Mir hat das Buch auch sehr gefallen und ich fand es unter den alltäglichen Krimis, und seichten Büchern, ein echt emotional sehr bewegendes Buch.
    Vielleicht gehen hier meine Gefühle mit mir durch, aber ich fand die Geschichte, dieses Märchen ist so schön, das ich gern weiter gelesen hätte!!!
    Ullrich Fiedler

    1. Lieber Ullrich,

      ist doch wunderbar, wenn die angenehmen Gefühle mit einem durchgehen🤗
      …gerade in dieser seltsamen und nicht immer einfachen Corona-Zeit.
      Ich hätte auch noch gern weitergelesen.
      Danke für die Rückmeldung 💐

      1. Finde ich sehr schön, dass Sie antworten!
        Wenn ich diese technische Möglichkeit schon früher gehabt hätte, dann könnte ich zwei dicke Ordner voll hier einstellen. Aber so mache ich es eben zu Fuss.
        Im Moment lese ich Martin Suter und werde mich dann an „Neujahr“ von der Frau Zeh wagen.
        Bis zum nächsten Mal,
        Ullrich Fiedler

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