Higashino, Keigo: Kleine Wunder um Mitternacht

Eine zauberhafte Zeitreise ohne Zeitreisende.

Der Japaner Keigo Higashino hat mit seinem originellen und einfallsreichen Text eine ergreifende und überraschende Geschichte über die drei Kleinkriminellen Atsuya, Shota und Kohei geschrieben, die sich um kurz nach Mitternacht nach ihrem Raubzug in einem schon längst geschlossenen, verlassenen und verstaubten Gemischtwarenladen verstecken, weil der gestohlene Wagen sie im Stich lässt.

Gerade wollen sie sich gemütlich zurücklehnen, da fällt ein Brief durch den Briefschlitz.

Sie erschrecken natürlich. Weit und breit ist niemand zu sehen.

Die Neugierde siegt, sie öffnen den Brief, lesen vom Kummer einer Frau namens Mondhase, die „in der Klemme steckt“ (S. 17) und um die Lösung ihres Problems bittet.

Recht bald wird ihnen mit Hilfe eines alten Zeitschriftenartikels klar, dass der Inhalt des Briefes mit der anonymen seelsorgerischen Tätigkeit des früheren Ladenbesitzers Yuji Namiya zusammenhängt.

Indem sie den Brief beantworten, bringen sie einen Stein ins Rollen und beeinflussen sie auf magische Weise das Leben von Menschen zu unterschiedlichen Zeiten und an verschiedenen Orten.

Durch ihr Handeln bringen sie eine außergewöhnliche Geschichte in Gang, die Auswirkungen auf das Leben vieler Menschen hat.

Durch diese höchst kreative Einleitung und Idee kommen wir in den Genuss mehrerer kleiner Geschichten von Menschen und deren Schicksalen.

Sie alle werden durch die Geschehnisse im Gemischtwarenladen und letztlich durch Yuji Namiya verbunden.

Wir erfahren, dass der Mondhase eine Sportlerin ist, deren geliebter Freund an Krebs erkrankt ist und dass Katsuro im BWL-Studium feststeckt, obwohl er eigentlich Musiker werden möchte.

Und wir lesen von Yuji Namiya und seinem Laden. Wie alles begann, sich entwickelte und endete.

Zu Beginn hat mich der Roman aufgrund seines abrupten bzw. unerwarteten Wechsels von Ort, Zeit, Perspektive und Personal etwas verwirrt, aber schon bald merkte ich, dass es sich bei „Kleine Wunder um Mitternacht“ um einen Episodenroman handelt und ich überließ mich dem, was kommt.

Gut so, denn das, was kam, war überzeugend!

Seine Charaktere hat Keigo Higashino vielschichtig und in ihrer ganzen Komplexität und Individualität gezeichnet, so dass die einzelnen Geschichten berühren und bewegen.

Es sind wehmütige, amüsante oder zum Nachdenken anregende Geschichten, deren Sprache mal poetisch, mal derb ist, in die man gerne eintaucht und die mich jede auf ihre Art faszinierte. Jede hatte ihre eigene Atmosphäre und ihren eigenen Klang.

Ich empfehle den eindrucksvollen, märchenhaften und unterhaltsamen Roman sehr gerne weiter! Er ist eine Collage oder ein Mosaik aus vielen einzelnen wunderbaren Bestandteilen, die auf geniale Weise miteinander verbunden sind und Bezug zueinander haben.

5/5⭐️

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