Inokai, Yael: Mahlstrom

Schon mal vorweg: Das Buch ist spannend wie ein Krimi und besticht durch seine wundervolle Sprache und intensive Atmosphäre.

Die ruppigen und engstirnigen Bewohner eines namenlosen kleinen Schweizer Bergdorfes werden durch den Suizid der zweiundzwanzigjährigen fülligen Barbara aus dem Alltag gerissen und aufgerüttelt.

Die scheinheilige und scheinbar makellose und anständige Fassade der Dörfler bekommt Risse.

Erst verfallen sie in eine Schockstarre und dann wird die verunsicherte Dorfgemeinschaft rührig.

Plötzlich kommen schlimme Geheimnisse ans Licht. Plötzlich stehen eine einst unter dem Mäntelchen des Schweigens verborgene Gewalttat und ein homosexueller Junge im Raum.

Barbara war eigenbrötlerisch und eigensinnig. Sie hatte es in ihrem kurzen Leben nicht leicht. Obwohl sie eine hervorragende Schülerin war, durfte sie nicht das Gymnasium besuchen. Sie musste die Prügel ihres Bruders Adam einstecken und er, der Bruder, durfte aufs Gymnasium… und scheiterte mit dem Abschluss. Der Vater verwehrte Barbara jegliche Anerkennung. Obwohl sie nach der Schule in der Baufirma ihres Vaters treue und hervorragende Dienste geleistet hat, strafte er sie mit Geringschätzung.

Und jetzt hat sie sich ertränkt.

In den mit Steinen beschwerten Mantel des Bruders gehüllt, ist sie ins Wasser gegangen.

Erst sieben Tage später wird sie gefunden.

Neben Barbara lernen wir auch den schmächtigen Yann kennen. Yann, der mit seinen Eltern aus der Stadtwohnung hierher ins Haus auf dem Land gezogen ist. Yann, das Einzelkind aus der Stadt hat es hier im Dorf, wo jedes Kind viele Geschwister hat, nicht einfach.

Der Dialekt.

Die bereits bestehenden Grüppchen.

Er ist ein Zugezogener.

Er wird ein Außenseiter.

In einem weiteren Erzählstrang lernen wir eine Gruppe von Kindern kennen. Eine alte Geschichte, ein grausames Ereignis im Winter vor elf Jahren, ihr Geheimnis, wird durch Barbaras Tod wieder ans Tageslicht befördert.

Wir erfahren Adams, Noras und Yanns Perspektiven – und noch eine vierte. Aber wessen Sicht ist diese vierte?Dieses Nichtwissen steigert die Spannung. Cleverer Schachzug!

Die 1989 in Basel geborene Yael Inokai ist eine präzise Beobachterin. Sie schreibt unaufgeregt, knapp, prägnant und atmosphärisch und gibt in einer klaren und poetischen Sprache hieb- und stichfeste Einblicke in den Mikrokosmos dieser dörflichen Welt.

Indem sie die höchst individuell komponierten Figuren tiefgründig, vielschichtig und authentisch zeichnet und indem wir mehrere Perspektiven kennenlernen und betrachten, entsteht letztlich ein interessantes und gehaltvolles Bild eines Schweizer Dorfes.

Ich empfehle diesen außergewöhnlichen, besonderen und eindringlichen Roman von Yael Inokai, der 2018 mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet wurde, sehr gerne weiter.

5/5⭐️

🇨🇭

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