Izquierdo, Andreas: Schatten der Welt

Wir lernen in „Schatten der Welt“, einer gelungenen Mischung aus historischem Roman, Abenteuerroman und Coming-of-Age-Geschichte, die drei Jugendlichen Carl, Artur und Isi kennen, die in einer Stadt in Westpreußen (heutiges Polen) leben.

Der jüdische Schneidersohn Carl kommt aus ärmlichen Verhältnissen, ist sensibel, herzensgut und zurückhaltend. Artur, der Sohn eines grobschlächtigen und gewalttätigen Wagners, der dem Alkohol nicht abgeneigt ist, ist selbstbewusst, lösungsorientiert und gerissen und die Lehrertochter Isi ist kess, aufmüpfig, clever, mutig und hat es faustdick hinter den Ohren.

Obwohl die drei recht unterschiedliche Charaktere haben, eint sie der Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung. Sie haben Sehnsüchte und Träume, sind lebenshungrig und wollen der Provinz den Rücken kehren.

Das dreiblättrige Kleeblatt ist unzertrennlich, geht miteinander durch dick und dünn, stärkt einander den Rücken und hilft sich gegenseitig.

Es gelingt ihnen doch tatsächlich mit dem Aberglauben ihrer Zeitgenossen Geld zu machen und aufgrund von Arturs Fingerspitzengefühl werden sie zu frühen und modernen Spediteuren. Die drei mausern sich zu erfolgreichen und unschlagbaren Jungunternehmern.

Eine erste Veränderung in ihrer Freundschaft beginnt, als Carl eine Ausbildung zum Fotografen macht und Artur und Isi ein Paar werden.

Ausserdem brodelt es unter der oberflächlichen Idylle gewaltig. Soziale Missstände werden immer eklatanter und politische Unruhen rumoren zunehmend.

Die Unbeschwertheit des Trios endet, als 1914 der erste Weltkrieg ausbricht. Carl und Artur werden eingezogen, Isi muss in der Heimat an ganz anderen Fronten kämpfen. Es sind Kämpfe gegen den Vater und gegen die Obrigkeit.

Nach Kriegsende ist alles anders. Schlagartig hat sich alles verändert. Türen haben sich geschlossen, neue Türen öffnen sich.

Andreas Izquierdo bringt uns kenntnisreich und phantasievoll die äußerst unterhaltsame und wendungsreiche Geschichte von Carl, Artur und Isi näher.

Er erzählt fesselnd und feinfühlig, rührend und berührend… aber niemals sentimental oder gar kitschig!

Mit großem Talent spielt er auf der Klaviatur der Gefühle seiner Leser: manchmal ist man wütend, manchmal traurig und manchmal muss man lachen.

„Schatten der Welt“ ist ein äusserst lebendiger Text, in dem nichts beschönigt wird. Nicht das Grauen des Krieges und nicht die innere Not der Menschen.

Und trotzdem ist es kein schwermütiger und deprimierender Text. Immer wieder gibt es Lichtblicke und durchgehend schwingt Hoffnung mit.

Man fiebert mit diesen drei liebenswerten und mutigen jungen Menschen mit, die in all ihrer Komplexität und Vielschichtigkeit gezeichnet werden.

Der Wechsel der Erzählperspektive zwischen einem auktorialen Erzähler und dem Ich-Erzähler Carl gibt der Geschichte Pep, macht sie noch abwechslungsreicher und erhöht die emotionale Intensität. Ein kluger Schachzug!

Für mich war diese authentische und atmosphärische Lektüre, die den damaligen Zeitgeist, sowie historische und gesellschaftliche Hintergründe wunderbar wiedergibt, ein großes Lesevergnügen.

Es ist spannend, den drei Protagonisten zu folgen und es ist interessant, von den Geschehnissen der damaligen Zeit, der klaffenden Schere zwischen arm und reich, der rigiden Gesellschaftsordnung usw. zu lesen.

Ob es wohl eine Fortsetzung gibt?

Klare Leseempfehlung!

5/5⭐️

🇩🇪

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