Jamal, Salih: Das Perfekte Grau

Aus der Flucht wird eine Reise.

Zum zweiten Mal hat mir der 1966 geborene Salih Jamal äußerst unterhaltsame Lesestunden geschenkt.

Schon sein sprachgewaltiger Roman „Orpheus: Musik, Liebe, Tod“ hat mich beeindruckt und das Gleiche kann ich auch jetzt, nach der Lektüre von „Das perfekte Grau“, einer großartigen Sommergeschichte und einem wilden Roadtrip, sagen.

Es geht hier um vier sehr unterschiedliche junge Menschen, die sich in einem abgelegenen Seebad an der Ostseeküste getroffen haben.

Der Ich-Erzähler Dante, Novelle, Mimi und Rofu arbeiten dort in einem etwas heruntergekommenen Hotel. Ihre Gemeinsamkeit ist, dass sie auf der Flucht sind. Äußerlich oder/und innerlich… und schließlich auch gemeinsam.

Mimi ist eine flüchtige Mörderin und Rofu ein afrikanischer Flüchtling. Novelle flüchtet vor den Schatten ihrer leidvollen Kindheit und Dante, der Angst hat, etwas zu verpassen, vor sich selbst, vor Verbindlichkeit und Verantwortung.

Als schließlich die Polizei kommt, weil sie die flüchtige Mörderin sucht, beschließt das skurrile Gespann, sich mit einem gestohlenen Boot aus dem Staub zu machen.

Jetzt beginnt ein Abenteuer, bei dem die vier sich selbst und einander begegnen.

Sie erleben in ihrem Beisammensein und in ihrem Austausch zärtliche und leidvolle Momente.

Es ist aber nicht nur harmonisch, auch Kritik und Unstimmigkeiten bleiben nicht aus.

Sie spüren, dass der offene und ehrliche Umgang miteinander Gefühle von Geborgenheit und Heimat aufkommen lassen. Gefühle, die sie tragen und halten.

Ihre gemeinsame Flucht ist eine Suche nach einem sicheren Ort, nach innerer und äußerer Ruhe; letztlich ist es die Suche nach sich selbst und dem Sinn ihres Lebens.

Mich erinnert die Geschichte an meine psychotherapeutische Arbeit mit Gruppen. Auch hier begeben sich Menschen auf eine gemeinsame Reise, deren konkretes Ziel zunächst noch vage ist. Es geht erst einmal ganz grundsätzlich um Ankommen, Erlösung und Befreiung. Die Teilnehmer setzen sich zusammen ins Boot und beginnen gemeinsam zu rudern. Es geht durch ruhige, aber auch durch turbulente Gewässer, aber niemand ist allein. Jeder fühlt sich zugehörig und aufgehoben, wird gespiegelt, erhält Trost und wird beruhigt.

Salih Jamal hat in seinem Roman die psychoanalytisch bedeutsame und gängige Reise-Metapher aufgegriffen und daraus ein unterhaltsames, fesselndes und psychologisch schlüssiges Werk gemacht, das auch vor Gesellschaftskritik nicht zurückschreckt.

Seine feinfühlige Herangehensweise, seine bisweilen derb-brutale, dann wieder zart-poetische Sprache, der Wortwitz und die Situationskomik machten die Lektüre für mich zu einem Genuss.

„Das perfekte Grau“ war für mich auch deshalb sehr kurzweilig, weil der Autor mit seinen differenziert ausgearbeiteten Figuren vier völlig unterschiedliche und interessante Lebensgeschichten präsentiert sowie viele Themen anschneidet. Aber es war kein Zuviel. Salih Jamal hatte ein geschicktes Händchen dafür, die Balance zu wahren.

Er hat mit „Das perfekte Grau“ einen gleichermaßen spannenden und witzigen wie berührenden und melancholischen 240-seitigen Roman komponiert, der sehr schön und wortstark erzählt ist, zum Nachdenken und Träumen einlädt und den Leser gedanklich in den Sommer wandern lässt.

Oben habe ich erwähnt, dass „Das perfekte Grau“ eine berührende Sommergeschichte und ein wilder Roadtrip ist.

Das trifft zweifellos zu, aber es ist darüber hinaus auch ein tiefgründiger und psychologisch überzeugender Entwicklungsroman.

Chapeau, Salih Jamal🎩

5/5⭐️

2 Gedanken zu “Jamal, Salih: Das Perfekte Grau

  1. Hallo Susanne,

    zu diesem Ergebnis bin ich auch gekommen. Deshalb haben wir Salih Jamal am 17.04.2021 bei uns im Lesedrachen auf Zoom. Ich würde mich freuen, wenn du dabei wärst.

    LG
    Petra

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