Loß, Lennardt: Und andere Formen menschlichen Versagens

Dieser nur 155-seitige Debutroman hat es in sich!

Nach einem Flugzeugabsturz im Jahr 1992 über Südamerika treibt die 22-jährige Marina tagelang, festgeklammert an einen Fenstersitz, im Südpazifik, bevor sie in der Ferne eine Insel erblickt.

Wenn man diese knappe Zusammenfassung hört, assoziiert man sofort „Überlebensgeschichte“und denkt an Robinson Crusoe.

Aber weit gefehlt.

Denn nach diesem Intro geht es anders weiter.

Ab jetzt verfolgen wir die verschiedenen Lebenswege und Hintergründe derjenigen Menschen, die Marina nahestehen und deren Leben sich aufgrund der Katastrophe und des antizipierten Verlusts von Marina verändern werden.

In sieben Kapiteln lernen wir neben Anderem ihre Eltern und ihren Freund kennen.

Man könnte eigentlich von sieben Kurzgeschichten sprechen, die jeweils für sich stehen könnten, aber gleichzeitig auf wundervolle Weise über Marina miteinander verwoben sind.

Beeindruckend dabei ist, dass jede Person in ihrer Vielschichtigkeit und jede Lebensgeschichte in ihrer Unterschiedlichkeit dargestellt wird. So entstehen abwechslungsreiche Geschichten und individuelle lebendige, authentische Charaktere mit Ecken und Kanten, die man gern kennenlernt und begleitet.

Wir treffen auf illustre, kauzige und grotesk gezeichnete Figuren, die niemals lächerlich dargestellt werden

Der Autor stellt sie uns mit Witz und Charme vor, was dazu führt, dass man seine Erfindungsgabe und Kreativität bewundert und seine Romanhelden mit all ihren Eigenarten ins Herz schließt.

Von Marinas Vater, einem Bauunternehmer mit Größenphantasien zu lesen, ist gleichermaßen erstaunlich wie belustigend.

Die Geschichte ihrer anerkennungsbedürftigen Mutter, einer Regisseurin, die versucht, den Verlust ihrer Tochter zu verarbeiten, indem sie einen blutrünstigen Horrorfilm dreht, ist interessant und bewegend.

Und dass ihr Freund, ein aufstrebender Nachwuchsboxer Profit aus der Katastrophe schlägt, ist befremdlich.

Ich möchte aber nun nicht mehr zum Inhalt verraten, um niemandes Lesegenuss zu schmälern.

Beim Lesen dieser abgründigen, tiefgründigen und manchmal sogar etwas verrückten Geschichten, in denen oft Ironie steckt und in denen es so vieles zu entdecken gibt, das offensichtlich oder rückblickend, teilweise bzw. oft auf irgendeine Weise miteinander in Verbindung steht, verliert man Marina erst einmal aus den Augen, weil es um von ihr unabhängige Erlebnisse und Erfahrungen geht.

Gleichzeitig ist sie aber immer präsent, weil sie die Sonne ist, um die sich alles dreht und weil sie mit ihrem Schicksal den Auslöser für die Entstehung der anderen Erzählungen darstellt. Marina und ihr Los sind der rote Faden, der das Knäuel aus sieben Geschichten zusammenhält.

Von Kapitel zu Kapitel springen wir zu anderen Personen, an andere Orte und in andere Zeiten, wobei Lennardt Loß einen jeweils anderen und passenden Erzählton für jede Geschichte gefunden hat.

In Windeseile gelingt es ihm, den Leser in völlig andere Szenarien eintauchen zu lassen und überrascht dabei oft mit unvorhergesehenen Wendungen.

Ich empfehle diesen außergewöhnlichen, skurrilen und tragikomischen Kurzroman, der mir mit seiner frischen und lebendigen Sprache eine vergnügliche Lesezeit beschert hat, sehr gerne weiter!

Ein must-read! Ein must-re-read!

5/5⭐️

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