Maron, Monika: Artur Lanz

Die betagte Charlotte Winter hat erst im Alter angefangen, Geschichten zu schreiben.
Auf einer Parkbank lernt sie eines Tages den 50-jährigen Physiker Artur Lanz kennen.
Sie erfährt, dass Artur gerade vor einem Scherbenhaufen steht, der ihn in eine seelische Krise katapultiert hat:
Er hat seine Frau, seinen Hund und seine körperliche Unversehrtheit verloren.
Die waghalsige Rettung des geliebten Haustiers, das auf einem Rapsfeld von seiner Leine stranguliert zu werden drohte, löste in ihm, der von seiner für die Artus-Legende schwärmenden Mutter nach dem heldenhaften Anführer der Ritter der Tafelrunde benannt wurde, zwar erstmals das Gefühl aus, heroisch gehandelt zu haben, zog aber auch die Scheidung von seiner Frau nach sich.

In den folgenden, mehr oder weniger zufälligen Begegnungen zwischen Artur und Charlotte kristallisiert sich in ihren Gesprächen aufgrund der Geschichte zu seinem Namen, seiner Heldentat und seines Schicksals ein Thema heraus, das Charlotte in ihren künftigen Erzählungen verarbeiten will:
Mut, Heldentum und Männlichkeit.

Plötzlich stehen Fragen bzw. Hypothesen im Raum.
Wurden viele Männer umerzogen? Verweichlicht? Verweiblicht?
Ein Rollenwechsel vom Patriarch und Ernährer zum feigen Weichling?
Ist Artur nicht das Beispiel schlechthin für einen Mann, dessen männliche, starke und mutige Seite sich in Empfindsamkeit, Feinheit und Anpassung/Unterwerfung aufgelöst hat?
Was ist mit denen, die sich dieser Umerziehung widersetzt haben, z. B. Rocker, denen Charlotte aufgrund ihrer Widerständigkeit zunehmend Sympathie entgegenbringt?

Und dann kommt es zu einer Situation, in der Artur seine abtrainierte Männlichkeit unter Beweis stellen und seinem heldenhaften Vornamen gerecht werden kann:
Sein Freund und Arbeitskollege Gerald gerät aufgrund fragwürdiger politischer Äußerungen in Konflikt mit Kollegen und Vorgesetzten.

Charlotte interessiert sich für Arturs frisch entdeckte Lust zum Heldentum und erlebt mit, wie er sich nun zwischen Mut und Feigheit entscheiden muss.
Wird Artur seinem Freund beistehen?
Wie wird er diesen inneren Konflikt lösen?

Rückgrat, Mannhaftigkeit und Heroismus oder das Motto der drei Affen: „nichts sehen, nichts hören, nichts sagen“ im Sinne von mangelnder Zivilcourage und bedingungsloser Loyalität?
Positionierung oder Unterordnung?
(Meinungs-)Freiheit, Mut zur eigenen Meinung und zum
Aussprechen unbequemer Wahrheiten oder Anpassung und Unterwerfung?
…weitere Fragen und Themen stehen im Raum.

Eine hochinteressante Thematik, die natürlich nicht nur Männer betrifft!
Sie spielt in meiner täglichen Arbeit als Psychoanalytikerin eine immens bedeutsame Rolle.
Es ist eine Thematik, die sowohl im gesellschaftlichen als auch im individuellen Bereich überaus bedeutsam ist.
Es ist eine Polarität, über die es sich nachzudenken lohnt!

Es macht großen Spaß, Monika Maron zu folgen, die, gelassen, sprachlich brillant, literarisch versiert, tiefgründig und mit spitzer Feder basale Themen aufgreift und dem Leser provokant und auf ironisch-abgeklärte Weise den Mitläufer- und Duckmäuser-„Typen“ vor Augen hält, der sich anpassungsbereit und widerspruchslos dem Mainstream, der Mode und den Normen unterwirft, sich selbst als fortschrittlich betrachtet und dabei jedem Andersdenkenden und jeder Veränderung eine Absage erteilt.
Die Autorin zeigt aber auch, dass sich das ändern lässt und dass es nicht in Stein gemeißelt ist.

Monika Maron hält eben diesen Ja-Sagern den Spiegel vor und genau deshalb war von vornherein anzunehmen, dass sie mit ihrem Buch eine sehr ambivalente Reaktion auslösen wird.
Sie legt einen Finger in die Wunde der gegenwärtigen Gesellschaft, spricht unangenehme Themen an und sticht damit in ein Wespennest.

Monika Maron bringt Heikles zur Sprache und erlaubt sich eine eigene Meinung.
Sie erzählt scheinbar mühelos und mit einem Feingefühl für Machtstrukturen und totalitäre Tendenzen präzise und mit Elan und Leichtigkeit.

Sie beschreibt, was sie beobachtet und erlebt (hat) und sie motiviert indirekt, subtil und unaufdringlich zum Nachdenken, erhebt aber nicht den moralisierenden Zeigefinger und schlägt keinen besserwisserischen und missionarischen Ton an.
Prisen von Boshaftigkeit und Provokation sind genauso enthalten wie Portionen von Witz und Ironie.

Ich möchte dieses mutige, ehrliche und offene Buch allen offenen und kritischen Geistern als inspirierende Lektüre empfehlen.

Mit unverstelltem, analytischem und kritischem Blick greift sie Gedanken und Fragen auf, mit denen es sich zu beschäftigen lohnt, weil sie hochaktuell, brisant und am Puls der Zeit sind.

5/5⭐️

🇩🇪

2 Gedanken zu “Maron, Monika: Artur Lanz

  1. Mensch, Susi,
    was du so alles liest! Der Arthur Lanz würde mich auch sehr interessieren. Gerade auch, weil die Autorin öffentlich gerade so sehr kritisiert wurde.
    Deine Rezension steigert noch die Lust auf das Buch!
    Liebe Grüße

    1. Hallo liebe Sabine,

      ich kann Dich nur ermuntern, es zu lesen! Ich fand das Buch unglaublich bereichernd. Es regt einfach zum Nachdenken an und wenn man es nicht nur auf die Männerwelt bezieht, sondern als großes, allgemeines und bedeutsames Thema betrachtet, dann ist es noch um ein Vielfaches besser.

      Ganz liebe Grüße,
      Susi

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