Messina, Laura Imai: Die Telefonzelle am Ende der Welt

Was für eine schöne, poetische und intensive Geschichte!

Was für eine wunderbare und originelle Idee, in seinem Garten eine Telefonzelle zu errichten, die letztlich einen therapeutischen Zweck erfüllt?

Mit Beginn der Lektüre begeben wir uns nach Japan.

Die Radiomoderatorin Yui lernt den Arzt Takeshi kennen. Aber nicht irgendwo, sondern in einem ganz besonderen Garten, in dem eine Telefonzelle steht.

Diese Telefonzelle am Hang des Kujirayama in Ôtsuchi an der Küste Nordostjapans existiert im Übrigen tatsächlich!

Sasaki Itaru hat in seinem Garten eine Telefonzelle ohne Anschluss ans Netz installiert: Das Telefon des Windes.

Dieses Telefon soll den Angehörigen der Opfer des Seebebens vom 11. März 2011 helfen, die furchtbaren Ereignisse und Verluste zu verdauen.

Dieser Trost und Hoffnung spendende Garten ist inzwischen ein Pilgerort für viele Trauernde, die bedeutsame und geliebte Menschen verloren haben.

Das Telefon funktioniert nicht auf herkömmliche Art und Weise. Man nimmt den Hörer ab, lauscht den Geräuschen des Windes und taucht in Erinnerungen ein.

Man teilt seinen geliebten verstorbenen oder vermissten Menschen mit, was man ihnen eigentlich schon zu Lebzeiten hätte sagen sollen.

Yui und Takeshi müssen beide traumatische Geschehnisse verarbeiten. Yui verlor im Tsunami von 2011 ihre Mutter und ihre dreijährige Tochter und Takeshi, ein alleinerziehender Vater, trauert um seine Frau.

Die beiden beginnen, von nun an gemeinsam einmal im Monat von Tokio nach Ôtsuchi zu fahren. Auf den langen Autofahrten lernen sie sich immer besser kennen. Sie kommen sich näher. Behutsam und zart beginnt sich durch ihre Begegnung in ihren Leben etwas zu verändern.

Die Autorin erzählt gefühlvoll und bewegend von Verlust, Trauer und Einsamkeit, von Hoffnung, Zuversicht und Schönheit.

Sie gleitet dabei niemals ins Schwermütige oder Kitschige ab, sondern vermittelt gleichermaßen kraftvoll wie zart, wie bedeutsam es für das emotionales Gleichgewicht und die seelische Gesundung ist, sich zu öffnen, seine Gefühle zuzulassen, mitzuteilen und zuzuhören.

„Die Telefonzelle am Ende der Welt“ erzählt zart, leise und berührend von tragischen Schicksalen und vermittelt einen wunderbaren Einblick in die fremdartige japanische Kultur.

Die italienisch-stämmige Autorin Laura Imai Messina, die seit ihrem 24. Lebensjahr in Japan lebt, bringt dem Leser japanische Begriffe und Bräuche näher, wodurch das Ganze sehr authentisch wirkt.

„Die Telefonzelle am Ende der Welt“ hat mich beeindruckt. Ich empfehle dieses außergewöhnliche literarische Werk sehr gerne weiter!

5/5⭐️

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