Seewald, Katharina: Demnächst in Tokio

Im Prolog lernen wir die 95-jährige Elisabeth von Traunstein kennen, die in ihrer Küche Tee kocht.

Dann schrillt das Telefon.

Ihre Tochter Karoline, die am anderen Ende der Leitung ist, teilt ihr mit, dass sie nach Japan reisen wird.

Welch aufwühlende Nachricht!

Erinnerungen ploppen auf.

„Wie in einem Film sieht Elisabeth plötzlich die alten Bilder wieder vor sich.“ (S. 8)

…Elisabeth lebte von 1934 bis 1942 mit ihrem Mann Ernst Wilhelm in Tokio.

Schnell wird klar, dass Elisabeth Geheimnisse hat.

Schon mehrfach hat sie versucht, Karoline einzuweihen, aber erst jetzt, in hohem Alter und fast 30 Jahre nach dem Tod ihres Mannes Ernst Wilhelm, findet sie die richtigen Worte.

Elisabeth erzählt ihre Geschichte.

Es ist eine Geschichte, die „an einem ganz normalen Sommertag im Jahr nach Hitlers Machtergreifung“ (S. 12) begann.

Im Juni 1934 erfuhr die damals 18-jährige Elisabeth, dass sie heiraten muss.

Ihr Vater, Patriarch und „glühender Verfechter“ (S. 20) des Führers, hat beschlossen, dass Elisabeth den 39-jährigen Sohn seines Chefs noch am gleichen Tag ehelicht.

Widerworte lässt er nicht gelten. Vor einer Durchsetzung seines Entschlusses mit Gewalt scheut er nicht zurück.

Egoistische Gründe trieben ihn zu dieser Entscheidung:

„Ich werde endlich Kompagnon“ (S. 20). Der damit verbundene Aufstieg in höhere Kreise ist zu verführerisch. Er opfert seine Tochter.

Gleich im Anschluss an die Trauung im Standesamt verabschiedet sich Ernst Wilhelm mit den Worten: „So Gott will, sehen wir uns demnächst in Tokio.“ (S. 27) von seiner blutjungen, frischgebackenen Braut Elisabeth.

Zwei Monate später macht sich die junge Ehefrau auf den Weg nach Japan, um dort bei ihrem Mann zu leben, der inzwischen an der Botschaft in Tokio eine Stellung als Militärattaché innehat.

Ernst und Elisabeth leben eher wie Geschwister als wie Eheleute.

Die Ankunft von Alexander, einem Freund von Ernst, der Einfluss der deutschen Politik und der japanische Geheimdienst verändern das Leben und den Alltag der von Traunsteins…

Die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte hat mich gepackt.

Katharina Seewald schreibt feinfühlig, zeichnet vielschichtige und glaubwürdige Charaktere und schreibt anschaulich.

Ich stolperte über so manche schöne Formulierung, wie z. B.: „Eben hatte es noch geregnet, doch der Wind hatte aufgefrischt und trieb die Wolken auseinander wie ein bellender Hund eine Herde von Schafen.“ (S. 17)

Ich empfehle die Lektüre, die gleichermaßen spannender historischer Roman wie berührende Liebesgeschichte ist, sehr gerne!

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