Seierstad, Åsne: Der Buchhändler aus Kabul

Das auf Tatsachen beruhende Reportagebuch „Der Buchhändler aus Kabul“ von der norwegischen Schriftstellerin Åsne Seierstad erschien bereits 2002 erstmals im norwegischen Original.

Es geht in diesem Werk um ihren mehrmonatigen Aufenthalt in Afghanistan nach dem Sturz des Talibanregimes.

Sie verbrachte diese Zeit in der in Kabul lebenden Familie des 56-jährigen Buchhändlers Shah Mohammad Rais, im Buch genannt Sultan Khan, und schildert in diesem Werk aus verschiedenen Perspektiven das für westliche Leser rückständig anmutende Leben dieser afghanischen Großfamilie.

Manches von dem sie berichtet, hat sie selbst erlebt, manche Geschichten, Gedanken oder Emotionen wurden ihr erzählt und anvertraut.

Abwechselnd kommen der Buchhändler, der neben offiziellen Büchern auch „verbotene Literatur“ verkauft, seine Frauen oder Kinder zu Wort.

Dabei erfahren wir in 19 locker miteinander verknüpften Geschichten viel über den Lebensalltag in Afghanistan, die Sorgen, Nöte und Hoffnungen der Menschen sowie über die Rolle, die Situation und den Zwiespalt der afghanischen Frauen, die seit Generationen dermaßen von den zementierten und gewachsenen Strukturen geprägt wurden, dass sie ihr Los oft als unumstößlich bzw. selbstverständlich ansehen.

Wir erfahren so manches über den Buchhändler und seinen Laden, über sein hartes Regiment als Familienoberhaupt, über teilweise befremdliche Rituale und häufig diskriminierende Traditionen, das Tragen der Burkha, Brautwerbung, Hochzeiten, Zwangsverheiratungen, Mehrehe, Bildungssystem, Moralvorstellungen, die Schreckensherrschaft der Taliban, und vieles mehr.

Wir lesen von einem Besuch im Hammam, von einer religiösen Pilgerfahrt und von einem Marktbesuch.

Aus vielen Puzzleteilen entsteht so ein buntes, lebendiges, atmosphärisches und facettenreiches Bild.

Das Buch hat eine umstrittene und bewegte Vergangenheit hinter sich. Es hat sehr kontroverse Debatten ausgelöst, da es von der Buchhändlerfamilie nach der Veröffentlichung angefochten wurde. Die Familie fühlte sich in ihrer Ehre gekränkt und zog gegen Autorin und Verlag vor Gericht. Ein 13 Jahre andauernder Prozess folgte. Eine der Frauen des Buchhändlers warf der Autorin vor, Gerüchte verbreitet zu haben und der Buchhändler selbst klagte sie wegen Verleumdung an. In späteren Übersetzungen strich Åsne Seierstad einige Passagen.

Nach der Lektüre des am 1.9.2020 im Kein & Aber Verlag erschienenen Taschenbuchs kann ich unschwer nachvollziehen, dass die 1970 geborene Kriegsreporterin Åsne Seierstad für ihr meines Erachtens sachliches und informatives Werk, das eher Bericht als Roman ist, mehrere Auszeichnungen erhielt.

Ich empfehle es sehr gerne weiter! Es regt zum Nachdenken an, ist intensiv, unterhaltsam und kurzweilig, gleichermaßen fesselnd wie beklemmend und hallt nach.

Es brachte mich in Berührung mit einer fremden Kultur, gestattete mir Einblicke in eine andere Welt und erlaubte mir einen Blick über den Tellerrand.

Neben all dem Lob möchte ich aber auch betonen, dass dieses Buch kritisch gelesen werden muss, obwohl die Autorin nicht wertet oder urteilt. Der Leser kann selbst seine Schlüsse ziehen, sollte aber die Geschichte und Hintergründe des Buches nicht außer acht lassen. Wo endet die Wahrheit, wo beginnt die Fiktion? Was wurde in den Geschichten, die man der Autorin erzählt hat beschönigt, was war real? Was konnte sie aufgrund der Sprachbarriere vielleicht nicht richtig interpretieren oder nachvollziehen?

4/5

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