Smith, Ali: Frühling

Endlich ist er da: „Frühling“, der dritte Teil des Jahreszeitenquartetts von Ali Smith.

Mit großem Vergnügen habe ich schon die beiden Vorgänger „Herbst“ und „Winter“ gelesen und meine Erwartung an diesen dritten Teil wurde nicht enttäuscht.

Der Titel passt so wunderbar zum Inhalt. Faszinierend!

Wir lernen den unbekannten und erfolglosen Regisseur Richard, einen Mann mittleren Alters kennen, der in einem Bahnhof in Schottland sitzt und vergeblich auf den Zug wartet. Er schwelgt in traurigen Erinnerungen um Verlorenes und Vergangenes.

Vor einigen Monaten hat er seine geliebte Freundin und Arbeitskollegin Paddy verloren und denkt unter anderem an ihr letztes Gespräch, in dem es um Rilke und um Katherine Mansfield ging, die beide ohne sich zu kennen gleichzeitig im selben Ort in der Schweiz gelebt haben.

Richard ist verzweifelt und deprimiert. Er denkt darüber nach, sich das Leben zu nehmen.

Dann begegnen wir Brit in ihrem heftigen und harten Berufsalltag in einem Flüchtlings- bzw. Abschiebezentrum in der Nähe von London.

Sie ist dort noch nicht lange für den Sicherheitsdienst tätig und muss sich erst noch an den herablassenden Umgang mit den Flüchtlingen und an deren erschütternde Lebensgeschichten gewöhnen.

Wir erleben mit, wie sie an ihrem Arbeitsplatz die 12-jährige Florence kennenlernt und sich von ihr überzeugen lässt, in einen Zug nach Schottland einzusteigen.

Richard sitzt in Schottland im Bahnhof und will sich gerade vor den Zug legen und Brit und Florence sind auf dem Weg nach Schottland und kommen genau an diesem Bahnhof an.

Wie man leicht ahnt, treffen die drei nun aufeinander.

Wie sich das Aufeinandertreffen und die Bekanntschaft nun weiter entwickelt, erzähle ich natürlich nicht.

Nur soviel: Florence ermöglicht mit ihrem jugendlichen Enthusiasmus und mit ihrer Beharrlichkeit Blicke hinter die Kulissen und ebnet damit den Weg für Veränderungen.

Sie hat etwas Rebellisches und Stürmisches (wie der April) und widersetzt sich dem Althergebrachten.

Etwas Neues keimt.

Ein Neubeginn scheint möglich. Hoffnung und Lebendigkeit blitzen auf (wie im Frühling).

Das Ende ist nicht vorhersehbar, interessant, schlüssig und stimmig.

Wieder einmal überzeugte mich Ali Smith mit ihrem Talent, auf hohem literarischen Niveau zu unterhalten und gleichzeitig politische Sachverhalte aufzugreifen, bzw. unaufdringlich unterzubringen.

„Frühling“ ist ein beeindruckender und besonderer Roman, der berührt und zum Nachdenken anregt. Sowohl die Gedanken Richards, als auch die Gespräche zwischen Brit und Florence animieren dazu, über das eigene Leben zu sinnieren.

Ali Smith ist eine brillante und scharfsinnige Beobachterin. Sie experimentiert und spielt mit den Wörtern und Sätzen und schreibt kraftvoll, wortgewandt, anschaulich, ergreifend und poetisch.

Ich empfehle den Roman und freue mich sehr auf den nächsten und zugleich letzten Band „Sommer“, der wohl im Juli 2021 im Luchterhand Verlag erscheinen wird.

5/5⭐️

🏴󠁧󠁢󠁥󠁮󠁧󠁿 🏴󠁧󠁢󠁳󠁣󠁴󠁿

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