Vesaas, Tarjei: Die Vögel

Der ca. 37-jährige Mattis ist anders. Er ist in sich gekehrt, lebt in seiner eigenen Welt und wird von den Dörflern verspottet, verlacht und als zurückgeblieben abgestempelt. Sie nennen ihn abfällig „Dussel“. Er weiß, dass er nicht ist, wie alle anderen. In seinem Kopf ist oft ein Durcheinander und seine Gedanken schweifen immer wieder ab.

Zusammen mit seiner um ca. drei Jahre älteren Schwester Hege, die sich um ihn und den Haushalt kümmert, wohnt er in einem kleinen alten Häuschen am See.

Die beiden haben viele Gemeinsamkeiten, aber harmonisch geht es bei weitem nicht immer zu. Für Hege ist es nicht immer einfach, freundlich und geduldig mit ihrem „…einfältigen Bruder…“ (S. 8) zu sein. Vieles versteht er nicht und oft hat er einfach keine Lust. Am Liebsten verbringt er seine Zeit im Freien.

Hege erledigt Strickarbeiten und der naturverbundene Mattis verrichtet einfachste Hilfsarbeiten auf dem Feld und im Wald. Damit bestreiten die beiden ihren Lebensunterhalt. Auch Mattis erhält einen geringen Lohn obwohl er sich oft ungeschickt und unbeholfen anstellt.

Mattis, der die Welt mit neugierigen und kindlichen Augen betrachtet, hat ein Faible für Waldschnepfen und er fühlt sich mit seiner Schwester sehr verbunden, auch wenn geschwisterliche Konflikte nicht ausbleiben.

Alles hat sich gut eingespielt, läuft in gewohnten Bahnen und wie am Schnürchen bis eines Tages der Holzfäller Jørgen auftaucht, der sich in Hege verliebt und sich bei ihnen einnistet. Und zu allem Überfluß wird dann auch noch eine Waldschnepfe, die er gern und oft beobachtet hat, erschossen.

Diese beiden Geschehnisse bringen den kindlichen Mattis ziemlich durcheinander, sein inneres Gleichgewicht gerät in eine Schieflage und seine bis dahin sichere Welt beginnt zu wanken. Er empfindet eine gewisse Bedrohlichkeit…

Mit einzigartiger Sprache – einfach und gleichzeitig wortgewaltig, fesselnd, poetisch und bildhaft – erzählt Vesaas die bezaubernde und melancholische Geschichte von Mattis, in den man sich wunderbar hineinversetzen und mit dem man problemlos mitfühlen kann. Egal ob Kummer, Sorgen, Nöte, Freude oder Angst… alles wird spürbar und greifbar.

Faszinierend ist, dass das Ungesagte zwischen den Zeilen nicht minder fesselt. Da wird etwas ganz Bedeutsames ohne Worte transportiert und das ist große Kunst!

Nicht unerwähnt sollen die eindrücklichen Landschafts- und Naturbeschreibungen bleiben. Wälder, Seen, Bäche, die Tierwelt und Wetterphänomene werden vor dem geistigen Auge lebendig.

Es macht große Freude, den Außenseiter Mattis zu begleiten und einen Einblick in die Innenwelt dieses sonderbaren, in sich gekehrten jungen Mannes zu bekommen, der Schwierigkeiten mit zwischenmenschlichen Beziehungen hat.

Ich empfehle diesen unaufgeregt, glaubwürdig und feinfühlig erzählten Roman sehr gerne weiter! Er hat eine Intensität und übt einen Sog aus, obwohl er nicht spannend im eigentlichen Sinn ist.

Man kann sich hineinfallen und treiben lassen.

Lesevergnügen und Entspannung pur, obwohl schon ganz bald klar ist, dass etwas Tragisches passiert.

Ein Buch zum Genießen… trotz aller Ernsthaftigkeit und Tragik.

5/5⭐️

🇳🇴

Das Nachwort von Judith Henkel ist übrigens auch sehr lesenswert, weil sie interessante und informative Anmerkungen und Interpretation zum Besten gibt.

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