Werf, van der, Gerwin: Der Anhalter

Eine Reise und ein Fremder als Brandbeschleuniger…

Eine Mischung aus Reiseroman und Thriller soll dieses Buch sein.

Das ist es… und noch viel mehr.

Es ist eine spannende Reise in die archaische Natur Islands,

ein Roadtrip durch die mystische Welt zwischen Vulkanen und Kratern,

eine Reise zu sich selbst,

ein Selbstfindungs-Trip,

ein psychologischer Beziehungsroman,

das Psychogramm einer Familie,

das Psychogramm eines verzweifelten Familienvaters,

eine Familiengeschichte mit Familiengeheimnissen.

Das Ehepaar Tiddo und Isa erfüllt sich einen langgehegten und immer wieder aufgeschobenen Wunsch und reist mit ihrem 13-jährigen Sohn Jonathan zunächst mit dem Wohnmobil, später mit dem Jeep durch Island.

Tiddo erhofft sich von der Reise auf und über die Vulkaninsel die Rettung seiner fast 15-jährigen Ehe und er ist sogar überzeugt davon, dass es gelingt.

Er und seine Frau haben sich über die Jahre hinweg voneinander distanziert, ihre Gemeinsamkeiten sind verloren gegangen und die Leidenschaft füreinander ist erloschen.

Tiddo möchte durch die Reise auch wieder einen Zugang zu seinem Sohn bekommen, deren Verhältnis sich ebenfalls abgekühlt hat.

Große Hoffnungen und hohe Erwartungen an einen Jahresurlaub. Kann allein Reisen Probleme lösen?Kann Tapetenwechsel beschädigte zwischenmenschliche Beziehungen kitten?

Schon nach wenigen Kilometern entscheiden sich die Camper auf Isas Vorschlag hin dafür, einen der zahlreichen Anhalter vom Straßenrand mitzunehmen. Der strömende Regen hat sein Übriges dafür getan, um der Familie die Entscheidung zu erleichtern, einen Fremden in ihr fahrendes Heim aufzunehmen.

Der redselige, selbstbewusste und gut aussehende Isländer Svein, der seit einigen Jahren in Amerika lebt und nun ausgiebig sein Heimatland erkunden möchte, verspricht, mit seinen Beziehungen bei Einheimischen für Vergünstigungen zu sorgen und ihnen geheime Insider-Tipps für die Reise zu verraten. Ihm fallen letztlich immer wieder neue Gründe ein, um weiter mit ihnen zu reisen. Er lässt sich einfach nicht mehr abschütteln. Sveins Beweggründe, die Reise mit der Familie immer weiter fortzuführen, bleiben unklar. Immer klarer wird nur eins: es ist schwer, ihn wieder loszuwerden.

Mit der Zeit dringen die vier immer tiefer in die mystische Welt, spektakuläre, karge Natur und überwältigende, raue Landschaft Islands mit seinen Vulkanen und Gletschern ein.

Parallel dazu kommt es auch im Wohnmobil schleichend zu Veränderungen. Die Stimmung kippt und lange verdrängte Probleme drängen durch die Anwesenheit des Fremden mit Vehemenz ans Tageslicht. Der junge blonde Reisebegleiter macht mit seinem Prahlen großen Eindruck auf den pubertierenden Jonathan, er verwickelt Isa in leise Gespräche und flirtet mit ihr und er übt mit seiner charismatischen Art sogar auf Tiddo, der ursprünglich völlig gegen einen unbekannten Mitreisenden war, eine gewisse Faszination aus.

Svein hat Tiddo zum Reden gebracht und ihm Privates entlockt, das er unter normalen Umständen niemals einem Fremden erzählt hätte und…er macht Tiddo glauben, er könne dessen Ehe retten.

Tiddo entwickelt eine ambivalente Beziehung zu Svein und gerät in eine Art emotionale Abhängigkeit von ihm. Er setzt Hoffnung in ihn und macht ihn in gewisser Weise zu seinem Vorbild. Gleichzeitig möchte er ihn loswerden, weil er ihn als Bedrohung empfindet.

Svein der Retter und Svein der Rivale.

Der mysteriöse Fremde bringt so Einiges ins Rollen und bedroht mit seiner Wirkung auf die Familie subtil und zunehmend deren fragiles Gleichgewicht.

Tiddo, der den Eindruck hat, dass Svein ihm seinen Platz als Ehemann und Vater streitig machen will und der sich darüber hinaus als Mann in Frage gestellt fühlt, sieht schließlich nur noch einen einzigen Ausweg: eine waghalsige Fahrt zum Kratersee Öskjuvatn.

Die Familie gerät in Gefahr. Die Konsequenzen sind verheerend. Tiddo, der Familienvater, wird zu einer tragischen Figur.

Welche Risiken geht jemand ein, was nimmt jemand auf sich und was ist jemand zu tun bereit, wenn er all’ seine Felle davonschwimmen sieht?

Der Schreibstil von Gerwin van der Werf hat mir äußerst gut gefallen und die Ideen für und hinter dem Roman finde ich originell und interessant.

Der Autor erzählt eine tragikomische Geschichte über Liebe, Männlichkeit und das Älterwerden auf literarisch eindrucksvolle Weise aus der Perspektive seines Ich-Erzählers Tiddo, der seine Ehe zunehmend gegen die Wand fährt, obwohl er sie eigentlich retten möchte.

Gerwin van der Werf beschreibt die beeindruckende Landschaft dermaßen atmosphärisch, bildhaft und eindrücklich, dass man das Gefühl hat, selbst ein Teil der kleinen Reisegruppe zu sein.

Die Protagonisten werden einem zunehmend vertraut. Sie werden in all ihrer Vielschichtigkeit und Unterschiedlichkeit facettenreich geschildert und erscheinen so als Menschen mit Ecken und Kanten.

„Der Anhalter“ ist ein fesselnder und psychologisch stimmiger Roman, der sowohl dynamisch, beschwingt und leichtfüßig, als auch gehaltvoll und tiefgründig daherkommt.

Er ist gleichzeitig dramatisch und tragisch, sowie humorvoll und amüsant und er hat etwas Finsteres und Verstörendes.

Über die gesamte Dauer der Lektüre hinweg spürt man in seinem tiefsten Inneren mit Unbehagen die unheilschwangere Atmosphäre, die über der Geschichte schwebt.

Ich habe vor der Lektüre noch nichts von dem 1969 geborenen niederländischen Autor Gerwin van der Werf gehört, geschweige denn gelesen.

Zwei seiner vier Romane schafften es auf die Longlist des wichtigsten niederländischen Literaturpreises.

„Der Anhalter“ ist der erste Roman von ihm, der in deutscher Übersetzung erschienen ist.

Der Autor hat mich mit seinem magischen und spannenden Werk überzeugt und ich freue mich darauf, weitere Romane von ihm zu lesen.

5/5⭐️

🇮🇸

2 Gedanken zu “Werf, van der, Gerwin: Der Anhalter

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