Morley, Christopher: Eine Buchhandlung auf Reisen

„Eine Buchhandlung auf Reisen“ ist ein Leckerbissen für literarische Feinschmecker, eine Streicheleinheit für die Seele und ein Plädoyer für‘s Lesen…

Dieser unterhaltsame, zauberhafte und herzerwärmende Klassiker des amerikanischen Schriftstellers Christopher Morley (1890-1957) ist bereits 1917 erschienen.

Die fast 40-jährige Mrs. Helen Mifflin ist die Ich-Erzählerin dieses Werkes, in dem sie über die Gefahr von Büchern und ihr großes Abenteuer, das ihr Leben verändert, schreibt.

Sie erzählt die Geschichte von sich und ihrem um 10 Jahre älteren Bruder Andrew „und wie Bücher unser behagliches Leben zerstörten“. (S. 9)

Andrew war Geschäftsmann und sie selbst Erzieherin in New York. Als Andrew zu kränkeln begann, zogen die Geschwister aufs Land, wo sie sich eine Farm kauften und Bauern wurden, die zwar hart arbeiten mussten, aber dennoch glücklich waren.

Als die beiden nach dem Tod ihres Onkels „eine Wagenladung Bücher“ (S. 11) erbten und der Büchernarr Andrew im Wohnzimmer eine Unmenge Bücherregale baute und den Hühnerstall in ein Lesezimmer verwandelte, begann sich das Farmerleben der beiden Geschwister drastisch zu verändern.

Dass Andrew nach kurzer Zeit sein erstes Buch veröffentlichte, war ein weiteres bedeutsames Ereignis dieses Umbruchs. „Seither ist unser Leben nie wieder so gewesen, wie es einmal war.“ (S. 14)

Helen, inzwischen eine leidenschaftliche Bäuerin, hatte alle Hände damit zu tun, dafür zu sorgen, dass ihr Bruder nicht in das „verderbte“ Leben eines Schriftstellers abglitt, aber es nützte alles nichts: Er wurde erfolgreich und berühmt… und damit einhergehend kam er immer weniger seinen Aufgaben als Farmer nach.

Eines Tages, nach 15 Jahren des Farmerlebens, fuhr eine Bücherkutsche auf den Hof.

Der Kutscher R. Mifflin, ein ehemaliger Schullehrer, wollte Kutsche und Bücher samt Schimmel und Terrier an Andrew, der gerade nicht zu Hause war, verkaufen.

Helen witterte Gefahr: Würde ihr Bruder diese Unmenge an Lesematerial kaufen, wäre er als Farmer verloren und sie müsste all die vielen Aufgaben auf dem Hof völlig alleine bewältigen, weil er „wie eine brütende Henne über seinen Büchern“ (S. 23) sitzen würde, anstatt seine Pflichten zu erfüllen.

Panische Angst trieb Helen schließlich dazu, dem „verrückten, kleinen rotbärtigen Kerl“ (S. 29) den „alten Karren“ (S. 26) abzukaufen, um Andrew die Verführung vorzuenthalten und sie beide damit vor dem Ruin zu bewahren.

Aber ihre ursprüngliche Motivation für den Kauf änderte sich ganz schnell…

Tja… und nun beginnt eine wunderbare Geschichte rund um Helen und den Bücherwurm Mifflin, die ihre Fortsetzung in „Das Haus der vergessenen Bücher“ finden wird.

Man muss die aufgeschlossene, zuverlässige, fleißige, willensstarke und couragierte Helen und Andrew, den verträumten und weltfremden Schriftsteller mit seiner Leidenschaft für Bücher einfach mögen…und R. Mifflin, den etwas schrulligen, kahlköpfigen, freundlichen und literaturbegeisterten Buchhändler, der es sich zur Mission gemacht hat, Bücher unters Volk zu bringen, sowieso.

Mir gefiel die bildhafte Sprache, die der Zeit entsprechend etwas antiquiert-elegant-distanziert wirkt.

„Eine Buchhandlung auf Reisen“ ist eine unterhaltsame und herzerwärmende Wohlfühlgeschichte, durch die man nur so fliegt.

Zu keinem Zeitpunkt empfand ich sie als kitschig oder schwülstig. Die Grenze wurde nicht überschritten, auch wenn der Schriftsteller sich ihr das ein oder andere Mal näherte.

Tiefgründige Gedanken wie „Was für merkwürdige Opfer gegensätzlicher Sehnsüchte wir doch sind. Wenn ein Mensch sich an einem Ort niedergelassen hat, sehnt er sich zu wandern, wenn er aber wandert, sehnt er sich danach, ein Heim zu haben. Und dennoch, wie bestialisch ist die Zufriedenheit – alle großen Dinge im Leben werden von Unzufriedenen getan.“ (S. 139) regen zum Mit- und Nachdenken an und die literarischen Anspielungen und Verweise auf Schriftsteller und deren Werke und Zitate finde ich interessant und bereichernd. Ich habe einiges davon nachgeschlagen und konnte so meinen literarischen Horizont erweitern.

Was ich noch erwähnenswert finde, ist, dass man den Roman nicht mit den heutigen emanzipatorischen oder gar feministischen Vorstellungen lesen sollte.

Man muss bereit sein, sich wertungsfrei und offen auf vergangene und überholte Haltungen und Normen einzulassen, sonst muss man sich an vielen Stellen die Haare raufen.

Damals war halt nicht heute…und auch heute ist noch nicht alles gut.

In jedem Fall bekommt man einen guten Einblick in frühere Konventionen und Gepflogenheiten.

Gleichzeitig lernt man eine für damalige Verhältnisse couragierte und selbstbewusste Frau kennen, die ihren Weg geht und die Zufriedenheit findet.

Lesenswert!

4/5 ⭐️

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