Shalev, Meir: Judiths Liebe

„Wenn der Todesengel kommt und sieht ein Kind, dass Sejde heißt, begreift er sofort, dass hier ein Irrtum vorliegt, und geht zu jemand anderem.“(S. 287)
Ein Irrtum?
Ja, denn „Sejde“ heißt „Großvater“.

Sejde wurde 1938 in einem Dorf im Norden Israels geboren. 1950, als er 10 Jahre alt war, starb seine Mutter Judith. Von da an kümmerten sich seine drei Väter um ihn. Jeder auf seine Weise, wobei die zahlreichen Mann zu Mann Gespräche nicht nur interessant, sondern oft auch herzerwärmend oder zum Schmunzeln sind.

Einer der Väter ist Jakob der Vogelzüchter, selbst ein komischer Vogel, der Sejde mit leckerem Essen verwöhnt, ihm Geschichten aus der Vergangenheit erzählt, ihm Lebensweisheiten mit auf den Weg gibt und ihm die Welt der sinnlichen Genüsse näherbringt.
Er, der selbst eine unschöne und lieblose Kindheit hatte, möchte Sejde ein unbeschwertes und freies Aufwachsen ermöglichen.

Einer der Väter ist der Bauer Mosche, ein starker Mann und Fels in der Brandung mit festen Regeln und Gewohnheiten. Er hätte ein Mädchen sein sollen und wuchs als solches bis zur Pubertät auf: In Mädchenkleidern mit langen Haaren, die zu einem Zopf geflochten wurden, und in der Küche. Von ihm hat Sejde seinen Nachnamen und mit ihm zusammen lebt er auf dessen Hof.

Und einer der Väter ist der Viehhändler Globermann, ein nüchterner, großzügiger, schlauer und entschiedener Kaufmann, der Sejde bei jeder Gelegenheit mit Geld, Belehrungen und Geschichten versorgt.

In der Ich – Perspektive Sejdes werden uns nach und nach die ergreifenden Geschichten seiner Mutter und seiner drei Väter erzählt und wir erfahren von den dramatischen Begebenheiten, die dazu geführt haben, dass Judith als „Arbeitsfrau“ zu Bauer Mosche kam, dass der Vogelzüchter Jakob sich in sie verliebte und dass der Viehhändler Globermann sie hofierte.

Über allem liegt ein Geheimnis und über allem schwebt eine Frage: Weshalb steht Sejde in Jakob’s Schuld und wer ist denn nun Sejde’s leiblicher Vater?

Mit einer märchenhaften, poetisch-bildhaften Sprache erzählt uns Meir Shalev eine Geschichte, die weniger um Judiths Liebe geht, als darum, wie und von wem SIE geliebt wird.
Leichtfüßig und mit Witz und Humor lässt Meir Shalev uns in die Erinnerungen verschiedener Protagonisten eintauchen. Manche Passagen lassen den Leser schmunzeln, aber hinter der lässig-lockeren Erzählweise stecken auch oft traurige und ergreifende Begebenheiten. Berührend und herzerwärmend ist der Roman. Nie kitschig. Eher mystisch und gewürzt – nicht durchtränkt – mit Überlieferungen, Lebensweisheiten und Aberglauben.

So wie man den Geschmack eines hervorragenden Gerichts erst wirklich wahrnimmt, wenn man langsam und konzentriert isst, so muss man diesen Roman langsam und aufmerksam lesen, um Sprache und Geschichte wirklich genießen zu können.

Um zu verdeutlichen, was ich meine, gebe ich hier einige Beispiele:

Nachdem der Viehhändler Globermann, ein schrecklich ungeschickter Fahrer, mal wieder einen Baum gerammt hat, meint er stolz: „Eine Stoßstange hat dieser Wagen – wie die Stirn von einem Bullen.“ (S. 102)…Ich musste laut auflachen.

Die im Folgenden zitierte Bemerkung des Vogelzüchters Jacob gefällt mir so gut, dass ich sie mehrmals lesen und markieren musste: „Alle Geschenke sind nix wert. Geld geht aus, Kleidung zerreißt, Spielzeug zerbricht, aber ein gutes Essen bleibt im Gedächtnis haften, d.h., es geht nicht verloren wie andere Geschenke. Aus dem Körper weicht es sehr schnell, aber aus dem Gedächtnis sehr langsam.“ (S. 19)

Ich möchte Euch, die meine Rezension lesen, noch eine weitere Kostprobe eines Absatzes geben, der mich wegen seiner Schönheit, Präzision und Metaphorik ergriffen hat: „ Mehrere Minuten ängstlichen Prüfens vergingen, bis die Geschöpfe des Waldes sich beruhigt an meine Anwesenheit gewöhnten. Wieder übernahm der Specht die Ausruferfunktion mit schnellem Trommeln, das die Stille brach. Danach ließen Kohlmeisen ihre erregten Tonsalven los, und sogleich folgten alle anderen Waldwesen. Die Welt zerfiel in tausend feine Geräusche, die einem geplatzten Sack zu entströmen schienen.“ (S. 111)

Der Roman verschafft einen Einblick in die dörfliche jüdisch-israelische Lebens- und Denkweise des 20. Jahrhunderts, bringt uns Tier- und Pflanzenwelt der Landschaft näher, berührt und unterhält.

Ich vergebe trotz allen Lobes für dieses Werk nur 4 von 5 Sternen, weil es zuweilen auf mich befremdlich wirkende Stellen gab, die mich emotional abhängten und dadurch etwas langweilten. Ich rede von Stellen, die auf mich dann doch etwas zu mystisch, märchenhaft oder unrealistisch wirkten. Aber ich möchte einräumen und zu bedenken geben, dass solche Denk- und Redensarten, die diesen Eindruck bei mir auslösten, für manche Kulturen und manche Zeiten sicher nicht ungewöhnlich sind bzw. waren. Wahrscheinlich muss man bei diesen Stellen das Mäntelchen der Realität völlig ablegen, um sich ohne Bewertung ganz darauf einlassen zu können. Das gelang mir nur teilweise.

Nach dem Zuklappen des 390 Seiten langen Taschenbuches kann ich nur sagen: langsam und aufmerksam lesen, damit man nichts verpasst,
innehalten,
das Gelesene auf sich wirken lassen
und dann – eine italienische Zabaione zubereiten und genießen!

4/5⭐️

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.