Coulin-Riegger, Ulla: Mutters Puppenspiel

In diesem Roman mit dem originellen, grellen und aussagekräftigen Cover, dreht sich alles um Lisette Dornbusch, ihr Innenleben und ihre Beziehungen: zur Mutter, zum Vater, zu Männern, zu Freundinnen.

Die Ich-Erzählerin Lisette Dornbusch, eine 38-jährige HNO-Ärztin, die ihrer 57-jährigen Mutti Frau Dornbusch gefallen und sie durch nichts erzürnen möchte, besucht diese jeden Sonntag zum Nachmittagskaffee, der immer nach dem gleichen Schema abläuft. Dieser sonntägliche Termin ist ein regelrechtes Kammerspiel, in dem die Mutter Regie führt, bzw. in dem Lisette ihrer Mutter die Rolle überlässt, Regie zu führen.

Um bestimmte Kleidungsstücke muss ein Bogen gemacht, bestimmter Schmuck muss getragen und bestimmte Themen müssen umschifft werden, damit die Mutter zufrieden ist.

Frau Dornbusch senior braucht das Gefühl, eine dankbare, demütige und sie hofierende Tochter zu haben, um im Gleichgewicht zu sein.

Die Tochter muss sich unterwerfen und klein machen, damit sich die Mutter, eine Frau mit narzisstisch-histrionischer Persönlichkeitsstruktur, nicht nur gleichwertig, sondern überlegen fühlen kann.

Die Mutter der Protagonistin geht bewertend und missgünstig durch die Welt und spart nicht mit Vorurteilen und Bosheiten, um Bedrohungen oder Ängste, die ihre innere Welt destabilisieren könnten, abzuwehren.

Sie ist bevormundend und vereinnahmend, herablassend, selbstherrlich und selbstgefällig. Definitiv keine Frau, die man zur Mutter, Partnerin oder Freundin haben möchte.

Lisette, die als Einzelkind in großem materiellen Luxus groß geworden ist, hatte nicht nur von Kindesbeinen an mit dieser kontrollierenden, abwertenden und eitlen Mutter, sondern auch mit ihrem vor wenigen Monaten verstorbenen Vater „zu kämpfen“. Er war ein unnahbarer, gefühlskalter und förmlicher Mann, der Lisette fast wie eine Leibeigene behandelte, die sich anstandslos zu fügen hat.

Beide Eltern waren emotional unerreichbar für die heranwachsende Lisette und Zärtlichkeiten waren tabu, bzw. Mangelware.

Es ist nicht verwunderlich, dass Lisette vor diesem Hintergrund trotz ihrer beruflichen Karriere und finanziellen Unabhängigkeit kein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln konnte.

Sie blieb emotional abhängig von der Wertschätzung Anderer und fügte sich deren Erwartungen.

Glücklicherweise gab es in ihrer Kindheit und Jugend das Personal, v. a. die Köchin, bei dem sie ersatzweise Geborgenheit und Zuwendung bekam. Wer weiß, was sonst aus Lisette geworden wäre?

Neben all ihren inneren Konflikten hat Lisette die Vorstellung, als kinderlose Frau unvollkommen und wertlos zu sein. Bisher hat sich ihr großer Kinderwunsch nicht erfüllt.

Als sie, frisch verliebt in Emil, hofft, bzw. vermutet, schwanger zu sein, kommt ein Stein ins Rollen. Für die Mutter wird es brenzlig. Eine echte Gefahr ist im Anmarsch. Sie fährt Geschütze auf…

Wie es auf der konkreten Ebene weitergeht und ob es Lisette gelingt, sich aus der symbiotischen und dysfunktionalen Beziehung mit ihrer Mutter zu befreien, um emotional unabhängiger und selbstsicherer zu werden, werde ich natürlich nicht verraten.

Ich kann und will nicht leugnen, dass ich die Geschichte Lisettes auch mit den Augen einer Fachfrau gelesen und betrachtet habe und daher kann ich nicht umhin, zu sagen, dass aus fachlicher Sicht zunächst eine klare Indikation für eine intensive und kontinuierliche analytische Therapie besteht. Aber wer weiß, vielleicht schafft Lisette das auch alleine?

Die Psychotherapeutin und Autorin Ulla Coulin-Riegger bringt ihre Beobachtungen, Erfahrungen und ihr Wissen sprachgewandt und mit schönen und eingängigen Formulierungen zu Papier.

Sie hat die Psyche ihrer Protagonistin gekonnt seziert und daraus präzise, detailliert und fesselnd ein intimes, trauriges und psychologisch stimmiges Psychogramm einer alleinstehenden und kinderlosen Enddreißigerin gezeichnet, die es noch nicht geschafft hat, sich von ihrer selbstbezogenen, vereinnahmenden und manipulativen Mutter zu lösen.

Aufgrund ihrer emotionalen Abhängigkeit wird sie regelrecht angetrieben von ihrem inneren Streben nach Wertschätzung und Zuwendung Anderer. Anpassung, Unterwerfung und Selbstverleugnung sind nicht selten der Preis, den sie zu zahlen bereit ist.

Der Autorin gelingt es, im Leser eine Vielzahl von Gefühlen hervorzurufen, obwohl, oder gerade weil der Text alles andere als gefühlsduselig geschrieben ist. Ich spürte immer wieder Mitgefühl, Traurigkeit und Enttäuschung, aber auch Zorn. Letzteres allerdings nicht nur auf die Eltern der Protagonistin, sondern auch auf Lisette selbst. Nicht selten musste ich ungläubig, verwundert oder genervt den Kopf schütteln, weil sie dieses Spiel mitspielt und der Unehrlichkeit und Manipulation keinen Einhalt gebietet. Aber na ja… wenn das so einfach wäre!

Die Lektüre lohnt sich! „Mutters Puppenspiel“ ist ein tiefgründiger und kurzweiliger Pageturner, der gut unterhält, interessant ist, und psychodynamische Zusammenhänge nachvollziehbar und auf eingängige, leicht lesbare Weise vermittelt.

Neben dem spannenden Inhalt tragen auch die sehr kurzen Kapitel dazu bei, dass man regelrecht durch das Buch fliegt.

Was ich unbedingt noch loswerden muss, ist, dass der viertletzte Satz, eine Frage, mich irritiert und etwas ratlos zurückgelassen hat. Wie gern hätte ich Lisettes Antwort gelesen!

5/5⭐️

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