Piñeiro, Claudia: Ein wenig Glück

Die Ich-Erzählerin Mary Lohan lebt in Boston. Sie ist Lehrerin und unterrichtet in der amerikanischen Eliteschule Garlic Institute Spanisch. Robert, ihr kürzlich verstorbener Partner, war dort lange der Direktor. Er hat noch vor seinem Tod arrangiert, dass Mary endlich, nach 20 Jahren, in ihre Heimat Argentinien zurückkehrt, um das St. Peter‘s College zu evaluieren und zu zertifizieren.

Das St. Peter‘s College ist das College an ihrem früheren Wohnort Temperley im Süden von Buenos Aires, in dem damals ihr Sohn Federico aus erster Ehe unterrichtet wurde.

Temperley ist der Ort, in dem sie mit ihrem damaligen Ehemann Mariano und mit ihrem Sohn in einem luxuriösen Landhaus im englischen Stil gelebt hat.

Mary hofft, in ihrem früheren Leben nicht erkannt zu werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich diese Hoffnung erfüllt ist nicht gering, da sie sich sehr verändert hat: ihre Stimme, ihre Sprache und ihr Aussehen.

Wird man sie erkennen? Wird sie sich zu erkennen geben?
Wird sie ihrem Ex-Ehemann begegnen?
Wird sie ihrem Sohn begegnen, mit dem sie seit damals keinen Kontakt hatte?

Auf dem Flughafen in New York beginnt sie, ihre Geschichte aufzuschreiben. Ihre Geschichte, in der sie noch Marilé hieß, in der sie einen Sohn hatte, den sechsjährigen Federico und in der etwas Schreckliches passiert ist.

Claudia Piñeiro baut mit Einschüben, Wiederholungen, die sie stetig ergänzt und damit verlängert und vervollständigt, mit rätselhaften Formulierungen (z. B. „die verbotenen Orte“) und mit Andeutungen, Spannung auf und macht neugierig.

Sie schafft es dadurch, mit einer schönen Sprache und mit zahlreichen Bildern und Metaphern einen originellen, interessanten und berührenden Roman zu schreiben.

Die Geschichte handelt von einem tragischen Schicksal. Es geht u. a. um den Umgang mit Schicksalsschlägen, um Schuld, Verantwortung,
Vorverurteilung und Glück im Unglück.

Die Thematik hätte Potential für eine kitschige Schnulze, aber die Autorin schafft es, diese lauernde Gefahr gekonnt, raffiniert und originell abzuwenden.

Unaufgeregt und gelassen, manchmal sogar humorvoll erzählt sie von Mary, einer Frau, der ausgehend von erschwerten Entwicklungsbedingungen und einem einschneidenden, dramatischen Lebensereignis immer wieder Glück widerfährt. Glücksmomente, die sie erkennt, die sie zulässt, über die sie nachdenkt und die letztlich zu einem großen bzw. größeren Glück führen.

Ich flog durch die Seiten dieses ergreifenden und sehr unterhaltsamen Romans, der Hoffnung vermittelt. Hoffnung, dass sich auch Schlimmes zum Besseren wenden kann.

Große Empfehlung! Von Claudia Piñeiro werde ich sicherlich noch mehr lesen.

5/5⭐️

2 Gedanken zu “Piñeiro, Claudia: Ein wenig Glück

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