Romagnolo, Raffaella: Dieses ganze Leben

Ein Familienroman, eine coming of age Geschichte, ein Entwicklungsroman, ein Thriller! All das finden wir in dem 272 Seiten dicken Buch von Raffaella Romagnolo, das sich unbedingt zu lesen lohnt.

Schon im ersten Satz schlagen dem Leser die Gnadenlosigkeit, Kompromisslosigkeit und Übertreibung einer Jugendlichen entgegen: „Ich bin hässlich.“

Figur, Beine, Gesicht… Nichts davon gefällt ihr. Und gemobbt wird sie. „Pferdegesicht“…es schmerze zwar, sei aber die Wahrheit.

Wir begleiten die übergewichtige 16-jährige Ich-Erzählerin Paola De Giorgi über einige Monate hinweg und lernen währenddessen ihren Alltag, ihr Innenleben und ihre äußerst wohlhabende und ziemlich komplizierte italienische Familie kennen.

Ihre gut aussehende Mutter, die regelmäßig ins Fitnessstudio geht, einen Personal Trainer hat, zum Affektabbau ein Glas Nutella verschlingt und Bromazepam zum Schlafen braucht, konfrontiert sie seit ihrem neunten Lebensjahr regelmäßig mit ihrem Übergewicht, drängt sie, abzunehmen und verfügt, dass Paola einmal pro Monat zur Kosmetikerin und täglich eine Stunde mit ihrem Bruder Richi, der im Rollstuhl sitzt, zügig spazieren geht, um Kalorien zu verbrauchen. Und genau diese Pflicht-Stunde wird zur besten des Tages für Paola! In dieser Zeit fühlt sie sich frei, unbeobachtet und unbeschwert.

Ihr Vater ist Vorstandsvorsitzender des riesigen, vom Urgroßvater ms gegründeten Familienkonzerns im Baugewerbe. Er glänzt durch Abwesenheit und Desinteresse.

Nina, die rumänische Haushaltshilfe ist der warmherzige Fixpunkt für Paola und ihren Bruder. Sie verwertet alle Reste und macht aus jedem noch so unnütz erscheinenden oder kaputten Teil etwas Brauchbares. Mit ihrer Bauernschläue tut sie oft genau das Richtige und wenn sie von der Hausherrin für eine zu fetthaltige Mahlzeit getadelt wird, stellt sie sich unwissend und tut so, als wäre die Sprachbarriere daran schuld.

Richi, der jüngere, körperlich behinderte Bruder sitzt im Rollstuhl. Er leidet an einer spastischen Ganzkörperlähmung und kann sich nur mit größter Mühe bewegen. Sich zu artikulieren ist mit großer Anstrengung verbunden, aber wenn er will, dann kann er mehr, als man ihm zunächst zutraut. Er ist ein wacher, schlauer Bursche und liegt seiner Schwester sehr am Herzen.

Nicht zu vergessen ist die elegante und gepflegte Großmutter ms, die vor allem an den Tagen zu Besuch kommt, wenn der Gärtner im Garten schaltet und waltet.

Auf ihren täglichen Spaziergängen lernen Paola und Richi zwei Schulkameraden, Antonio und seinen Bruder Filippo, näher kennen. Es ist nicht zu übersehen, dass sich der um zwei Jahre ältere und sympathische Antonio für Paola interessiert. Aber Paola, die bisher wenig gute zwischenmenschliche Erfahrungen gemacht hat, Opfer von Ciber-Mobbing geworden ist und nicht gerade vor Selbstbewusstsein strotzt, ist misstrauisch und kann sich nicht einlassen. Sie ist wie ein angeschossenes, scheues und verängstigtes Reh, das befürchtet, erneut verletzt zu werden. Ihr Schutzschild aus Reserviertheit, Sarkasmus, Ironie und Rationalisierung hält die Menschen fern.

Zu Hause fühlt sich Paola unverstanden und einsam. In der distanzierten, desinteressierten und kühlen Atmosphäre ihres Elternhauses herrschen Sprachlosigkeit, Schweigen, Geheimnisse und Tabus. Fassade und Funktionieren sind wichtig.

Aber im Lauf der Zeit wird Paola neugierig und rebellisch. Sie will sich nicht mehr abspeisen lassen. Sie will ernst genommen werden. Sie wird beharrlich. Sie lässt nicht mehr locker. Sie kommt Familiengeheimnissen auf die Spur und sie entdeckt zusammen mit ihrem Bruder Richi einen Skandal.

Die Frage ist, wie Paola aus dieser ganzen Geschichte herauskommt.

Paola erzählt ihre tragikomische Geschichte selbst und sie streut immer wieder Anekdoten, Erinnerungen und Gedanken ein. Manchmal wirkt es, als schreibe sie in ihr Tagebuch, manchmal, als erzähle sie uns ihre Geschichte am Küchentisch und manchmal lässt sie einfach nur ihren Assoziationen freien Lauf. Manchmal wendet sie sich auch an Carmen, ihre imaginäre Freundin.

Mir gefällt dieser Erzählstil genauso gut wie die flotte, zackige, lebendige, eindrückliche Sprache, der üppige Wortschatz und der rotzige, pfiffige und authentisch wirkende Ton, der vor Zynismus, Sarkasmus und Ironie trieft.

Der Leser wird mit einem schwierigen familiären und individuellen Schicksal und mit einer skandalösen Entdeckung konfrontiert, aber kitschig, gefühlsduselig oder sentimental wird es nie.

Raffaella Romagnolo gelingt es wunderbar und scheinbar mühelos, mit Sprache, Ton und Erzählstil zu symbolisieren, was bei Paola und ihrer Familie symptomatisch ist: vor der Kulisse-hinter der Kulisse. Hinter der glänzenden Fassade der wohl situierten Familie steckt ein brüchiges und zerrüttetes Konstrukt aus Beziehungen und hinter der gelassenen und angepassten Fassade von Paola stecken Ängste, Selbstzweifel, Sehnsucht, Wut, Aggression und Rebellion.

Die Autorin zeichnet ein äußerst differenziertes und glaubwürdiges Bild von Paola, ihrem Innenleben, ihrem Alltag und ihrer Familie. Sie verdeutlicht en passant den Weg einer Jugendlichen von der Angepasstheit über die Heimlichkeit in Richtung Autonomie und Individualität.

Ich kann jetzt nicht umhin, noch einige eindrückliche und auch poetische Formulierungen zu zitieren:

„Für die Wunden der Anderen habe ich eine Spürnase wie ein Setter. Ein Sonar wie ein Walfisch – für Eiter, für ein eingewachsenes Härchen, einen Furunkel, den man noch nicht sieht, der aber bald aufbricht.“ (S. 164/165)

„Es ist, als sei ich gar nicht da, als würden wir uns nicht entgegenkommen, als wäre die, die beiseite tritt, um sie vorbei zu lassen, nichts weiter als der Schatten eine Platane auf dem Asphalt. Ein Windstoß, weniger als ein Atemhauch. Nichts. Ich fühle mich wie ein nichts.“ (S. 171)

Es macht Spaß und gibt der eigentlich sehr ernsten, traurigen und erschütternden Geschichte Leichtigkeit, wenn man immer wieder mit wunderbaren, berührenden und amüsanten Anekdoten unterhalten wird.

Zum Beispiel der Schwank von Antonio, der auf einem Schulausflug auf der Toilette vergessen wird oder die Story von der Oma und dem Gärtner, die offenbar ineinander verliebt sind und wie Teenager miteinander turteln. Über die Szenen mit Nina, die sich dumm stellt, als sie von der Hausherrin getadelt wird, weil sie einen viel zu kalorienhaltigen und deshalb verbotenen, aber äußerst leckeren Kartoffel-gâteau zubereitet oder Bratwürste aufgetischt hat, muss man einfach schmunzeln.

Ich bin sehr angetan von diesem Werk. Der Autorin gelingt es eindrucksvoll, durch Sprache, Ton, Erzählweise und eingestreute amüsante Anekdoten eine ernsthafte, traurige, erschütternde und skandalöse Geschichte zu erzählen, ohne dass man melancholisch wird.

Die Wende kam am Schluss vielleicht etwas zu plötzlich und die Geschehnisse am Ende waren vielleicht etwas überzeichnet und überspitzt, aber das hat meinen Gesamteindruck nicht gravierend beeinflusst. Es ist schlicht eine Frage des Geschmacks.

Ich empfehle diesen kurzweiligen, unterhaltsamen und gut konstruierten Roman, der von Anfang an fesselnd ist und ab der Mitte nochmal an Fahrt aufnimmt, sehr gerne weiter.

5/5

🇮🇹

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